High-Tech Intensivtherapie nach Querschnittslähmung - Ein Erfahrungsbericht

Aktualisiert: 20. Apr.

Diagnose Querschnittlähmung

„Hilf mir raus, ich kann meine Beine nicht bewegen!“ sagte Yvonne am 23.07.2020 zu ihrem Freund nach einem Autounfall.

Yvonne ist 16 Jahre alt und eine lebenslustige junge Frau. Bis zum besagten Tag im letzten Jahr war sie auch eine begeisterte Volleyball Spielerin und liebte es zu wandern, Stand-Up-Paddling und Eislaufen. Nun ist alles anders.

Yvonne und ihr Freund waren am Weg zum See, als ihnen plötzlich ein Auto aus einer Seitenstraße den Vorrang nahm. Sie saß angeschnallt am Beifahrersitz und ohne jegliche Vorwarnung kam es zu einem gewaltigen Aufprall. „Das erste was ich spürte waren sehr starke Rückenschmerzen im Bereich der Lendenwirbelsäule. Ich wollte durch die verbeulte Autotür aussteigen und bemerkte erstmals, dass ich meine Beine nicht bewegen kann.“ Polizei, Rettung und Feuerwehr trafen in den nächsten Minuten an der Unfallstelle ein. Yvonne wurde nach der Erstversorgung sofort mit dem Hubschrauber ins nächstgelegene Spital in Wien gebracht. In diesem bekam sie am gleichen Tag zunächst eine Fixierung der Lendenwirbelsäule, gefolgt vor einer zweiten Operation 10 Tage später. Bei dieser wurde ein Teil des Beckenknochens zur Stabilisierung mehrerer Wirbel verwendet -Diagnose: Paraplegie sub L1 / Querschnittsyndrom. Nach dreiwöchigem Aufenthalt auf der Intensivstation wurde sie anschließend für zwei Monate auf die Normalstation verlegt.

Nach insgesamt drei Monaten im Spital konnte sie endlich ihre Rehabilitation beginnen. Diese startete in einem neurologischen Rehazentrum Nähe Wien. In den folgenden fünf Monaten lernte Yvonne mit ihrer neuen Lebenssituation umzugehen. Normale Aktivitäten des täglichen Lebens sind nun nicht mehr so einfach zu bewältigen wie früher.


High-Tech Physiotherapie in Wien

Anfang Mai 2021 startete Yvonne ihre Physiotherapie in unserer Einrichtung in Wien in der Altmannsdorferstraße. Zu Beginn fehlte ihr die muskuläre Aktivität der Becken-, Hüft- und Beinmuskulatur und sie hatte nur schwache Kontrolle über die untere Rumpfmuskulatur. Gefühl hatte sie nur im vorderen Oberschenkelbereich, den Rest der Beine verspüre sie überhaupt nicht.

Als sie erstmals auf unserem Gangtherapiegerät „Perpedes“ ging, war sie den Tränen nahe. Sie konnte sich nun erstmals, seit dem Autounfall, in einer vollständig aufgerichteten Körperhaltung gehend im Spiegel sehen.

Die besten Chancen auf gute Fortschritte bei der Diagnose Querschnitt hat man bei früh ansetzender Rehabilitation. Hierbei ist vor allem eine hohe Wiederholungszahl von physiologischen Bewegungen enorm wichtig, um motorische Fähigkeiten wieder neu und vor allem richtig zu erlernen. Mit unseren Geräten sind sehr hohe Wiederholungszahlen in hoher Intensität möglich, die ohne Robotikunterstützung im klassischen Physiotherapiesetting niemals erreicht werden könnten.


Großzügige Spende für Intensiv-Therapie

Dank einer großzügigen Spende des Vereins freiraum-europa wurde es Yvonne ermöglicht, über 2 Wochen eine Intensivtherapie mit täglich 4 Stunden hoch dosierter Bewegungstherapie in Graz zu absolvieren. freiraum-europa unterstützt vorwiegend Kinder und Jugendliche, die vom Schicksal schwer getroffen wurden. Die positiven Entwicklungen seit der Gründung sind den vielen haupt- und ehrenamtlichen MitarbeiterInnen von freiraum-europa zu verdanken. freiraum-europa unterstützt im In- und Ausland behinderte Menschen in Notlagen mit Sach- und Geldspenden sowie Beratungs- und Bildungsleistungen. "Es ist uns wichtig, insbesondere dort zu helfen, wo Hilfe am nötigsten ist."

Hochdosierte Intensivtherapie in Graz

Die Therapie setzt sich aus mehreren Teilbereichen zusammen. Gangtherapie, Rumpfstabilisation, Kräftigung der Bein- und Hüftmuskulatur, sowie Sensibilitätssteigerung in den betroffenen Regionen sind Schwerpunkte in der Intensivtherapie.

Robotikgestützte Gangtherapie

Mit unseren Gangtrainern ist es möglich ein physiologisches Gangbild mit Teil- oder Vollentlastung durchzuführen. Der Therapiefokus bei Yvonne liegt hierbei auf der Aktivierung der gesamten Beinmuskulatur. Zu Therapiebeginn musste aufgrund der fehlenden Beinaktivität das gesamte Körpergewicht abgenommen werden. Mit Beginn der zweiten Intensivwoche ist es Yvonne schon möglich 20 Kilogramm ihres eigenen Körpergewichtes am Gangtrainer zu übernehmen. Außerdem kann sie nun auch die Beine in einer physiologischen „Beinachse“ stabilisieren. Dies resultiert aus einer Steigerung der Aktivierungsfähigkeit der gesamten Bein- und Hüftmuskulatur. Zu Therapiebeginn musste diese noch über aufwendige stabilisierende Maßnahmen gerade gehalten werden.


Gangphasen-Training

Mit unserem Gangphasentrainer ist es möglich in sitzender Position die Beine passiv, assistiv oder resistiv zu aktivieren. Yvonnes Ziel ist es bei dieser Therapie Druck auf ihre Füße zu bringen. Dies gelingt über die Hüft-/Oberschenkel- und Wadenmuskulatur. In unserer ersten Therapieeinheit wurden die Beine lediglich passiv durchbewegt, also hat das Gerät zur Gänze die Bewegung übernommen. Zum heutigen Tag kann Yvonne schon leichten Druck auf die Pedale ausüben und dadurch leichte Aufgabenstellung über koordinierte Kraftentwicklung bewältigen.



Dynamisches Steh- und Gleichgewichtstraining

Unser dynamischer Stehtrainer hat das Ziel das Stehen auf den eigenen Beinen zu verbessern. Neben der Vertikalisierung, welche sehr wichtig für das Herz-, Kreislauf- und Verdauungssystem ist, wird auch eine kontrollierte Stabilisation des Rumpfes verlangt. Zu Beginn lag der Therapiefokus auf einer gezielten Stabilisation des Rumpfes von Yvonne.



Rumpftraining

„Rumpf ist Trumpf!“ - ein sehr beliebter Spruch in der Neurorehabilitation. Der Rumpf fungiert als Basis für unsere Extremitäten und ist somit sehr wichtig beim Stehen als auch beim Gehen. Durch unser Bewegungsmesssystem können auch kleinste Rumpfbewegungen gemessen und als Kontrolle für gezielte Rumpfübungen eingesetzt werden. Yvonne zeigt stetig Verbesserungen bei ihrer Rumpfkontrolle vor allem im Bereich der Lendenwirbelsäule. Dadurch ergibt sich ein sichereres Gefühl im Alltag und eine bessere Basis für ihre Hüftmuskulatur.



Was bisher erreicht wurde - messbare Erfolge der Intensivtherapie


Um objektiv bewerten zu können, ob unsere Patienten Fortschritte machen, führen wir jedes Mal eine genaue Anfangsuntersuchung durch. Die Tests dieser Untersuchung werden während und am Ende des Therapieblocks wiederholt, damit wir ein optimales Training gewährleisten können. Vor dem Start der Intensivtherapie wurde auch bei Yvonne ein genauer Ausgangsstatus dokumentiert.

Getestet wurden:

· Kraft der Beine

· Oberflächensensibilität der Beine

· Tiefensensibilität der Beine

Hier eine Zusammenfassung von Yvonnes objektiv messbaren Fortschritten:


Kraft der Beine

Die Maximalkraftmessung der Beine wird in sitzender Position auf unserem Gangphasentrainer durchgeführt. Jedes Bein wird separat auf seine maximale Kraft getestet. In Summe ergibt sich dann eine Standkraft (oder "Sit-To-Stand"-Kraft).


Zu Therapiebeginn entwickelte Yvonne eine Maximalkraft von 4,3 kg links, 4,0 kg rechts und somit eine Gesamtbeinkraft von 8,3 kg. Das bedeutet, dass sie mit Beinkraft allein maximal 8,3 kg Körpergewicht vom Sitzen ins Stehen hätte bringen können.


Zu Therapieende haben sich diese Werte deutlich verbessert. Das linke Bein zeigte bei der Abschlusstestung eine Maximalkraft von 13,3 kg und das rechte 11,8 kg. Die Gesamtbeinkraft (oder Sit-To-Stand-Kraft) betrug am Ende der Therapie also 24,7 kg, was einer Verbesserung von 197% (16,4 kg) entspricht.



Diesen Kraftzuwachs konnte man auch auf unseren Gangtrainern sehen. Yvonne konnte mit Ende der zweiten Intensivwoche circa 20 Kilogramm ihres eigenen Körpergewichts am Gangtrainer übernehmen. Ebenso war es ihr möglich, ihre Beine während des Trainings in einer physiologischen „Beinachse“ zu stabilisieren. Dies resultierte aus der besseren Aktivierungsfähigkeit der gesamten Bein- und Hüftmuskulatur.


Oberflächensensibilität der Beine

Gemessen wurde hierbei die Wahrnehmung von Druck, Berührung, Vibration, Temperatur und Schmerz.

Yvonne gab zum Beginn der Therapie an, nur im vorderen Bereich beider Oberschenkel bis kurz über die Kniescheiben diese Sinnesqualitäten zu verspüren. Der Rest der Beine war zur Gänze taub und keine der zuvor genannten Empfindungen konnte in diesen Bereichen verspürt werden.


Am Ende der Intensivtherapie hat sich auch die Oberflächensensibilität von Yvonne deutlich verbessert. Beim Abschlussbefund gab sie an, nun den gesamten Ober- und Unterschenkel bis zu den Knöcheln vollständig zu verspüren. Ihre Füße und Zehen fühlte sie auch, konnte die Berührungen jedoch nicht genau lokalisieren.


Tiefensensibilität der Beine

Die Tiefensensibilität haben wir ebenfalls mit Hilfe unseres Gangphasentrainers getestet. Die Aufgabe bestand darin, eine vorgegebene Pedalstellung möglichst genau zu reproduzieren. Da die aktive Beinkraft nicht ausreichte, die Pedale im nötigen Ausmaß zu bewegen, konnte Yvonne diese über das Display in die gewünschte Position steuern.


Der Ablauf der Testung sah wie folgt aus: Die Beine wurden in eine bestimmte Stellung gebracht. Dann spürte Yvonne mit geschlossenen Augen die Stellung beider Beine. Das Gerät fuhr dann wieder in die Ausgangsposition zurück. Anschließend musste Yvonne über das Display die Beinstellung wieder so einstellen, wie sie diese zuvor wahrgenommen hatte. Gemessen wurde dann der Winkelunterschied zwischen den beiden Positionen (vorgegebene und nachgestellte) in Grad. In Summe wurden 4 Messungen gemacht und eine mittlere Differenz ermittelt. Diese ergab bei der Anfangstestung von Yvonne 11,7°.


Zu Therapieende ergab die Summe der 4 Messungen eine mittlere Differenz von 3,8°. Dies ist ein sehr guter Wert, da wohlbemerkt Personen ohne neurologische Probleme teils schon höhere Mittelwerte erzielten.



Bewegungsmodulation:

Die Bewegungsmodulationsmessung ermittelt die Fähigkeit, eine Trittfrequenz auf einem Ergometer (Fahrrad) zu halten. Zusätzlich wird die Kraftsymmetrie der Beine beim Treten gemessen.

Diese Messung wird grundsätzlich auch zu Beginn der Therapie auf unserem Gangphasentrainier absolviert. Yvonne konnte diese Messung jedoch zu Therapiebeginn nicht machen, da die nötige Kraft dafür fehlte. Am Ende der Intensivtherapie konnte die Messung aufgrund der Kraftzunahme in den Beinen durchgeführt werden. Sie ergab einen guten Gleichmäßigkeitsindex und eine gute durchschnittliche Trittfrequenz. In Bezug auf die Symmetrie zeigte sich eine leichte Kraftdominanz im rechten Bein gegenüber dem linken. In Anbetracht der Ausgangssituation sind wir jedoch mit diesem Ergebnis mehr als zufrieden.


Resümee der Intensivwochen

Diese intensiven Trainingswochen waren somit objektiv ein voller Erfolg. Was allerdings noch viel wichtiger ist, ist der subjektive, persönliche Erfolg von Yvonne. Die enormen Fortschritte, die sie sich in den zwei Wochen hart erarbeitet hat, sind nun eine Quelle für Motivation, Freude und Stolz. Yvonne ging mit neuen Fähigkeiten, aber auch mit neuen Zielen wieder zurück nach Wien, wo sie nun zwei Mal pro Woche im HOME4MOTION weiter trainiert.


Wir freuen uns sehr mit Yvonne über ihren Erfolg. Ohne ihre Bemühungen und ihr Durchhaltevermögen wären trotz der modernen Geräte und des motivierten Teams diese Erfolge nie erreicht worden!

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